Natalia

Eine Person in einem bunten, gestreiften Trikot vollführt einen Luftspagat kopfüber auf lila Seide in einem Gebäude mit einem durchsichtigen Dach im Internat Solling im Weserbergland. Die Arme sind nach unten gestreckt, die Haare hängen frei, die Zehen spitz. Datumsstempel: 18 9 98.

Eine junge Frau steht auf grünem Gras in einem Stadtpark, umgeben von modernen Hochhäusern. Ihr Stil ist poppig - eine pinke Jacke, schwarze zerrissene Jeans -, ihre Pose nachdenklich, als ob sie sich an das Internat Solling und an landschaftlich schöne Tage im Weserbergland erinnern würde.

Ich hatte Höhenangst bis ich mit der Vertikaltuchakrobatik angefangen habe. Einem Sport, der in großer Höhe ausgeübt wird. Genau deswegen! Meine Angst hat mich geärgert – folglich bin ich gezielt dagegen vorgegangen. So bin ich eigentlich immer: nicht die Augen verschließen, sondern vielmehr offenen Auges gerade auf die Dinge zugehen! Mittlerweile fühle ich mich im Tuch ganz wunderbar geborgen und zugleich unglaublich frei. Ehrlich geschrieben mag ich auch den Adrenalin-Kick sehr gerne!

Für meine Zeit am LSH setze ich mit der Vertikaltuchakrobatik aus. Als kleiner Sport-Junkie laufe ich stattdessen nahezu täglich im Kraftraum. Während dieser 5- 10 Kilometer, die ich zumeist laufe, bin ich ganz in meiner eigenen kleinen Welt. Diese Zeit gehört mir alleine, ich kann mir meine Kraft einteilen und selber kontrollieren, in welcher Geschwindigkeit ich mich fortbewege. Während des Laufens denke ich viel darüber nach, was mir so widerfahren ist und plane meinen Tag. Zuhause, in Mexiko-City, schwimme ich auch gerne und viel. Da ich für die beiden Sportarten Vertikaltuchakrobatik und Schwimmen ein wirkliches Talent habe, macht mir die momentane Pause nichts aus, da ich nach meiner Rückkehr einfach wieder dort anknüpfen werde, wo ich September letzten Jahres aufgehört habe.

Im Internat Solling bin ich aus vielerlei Gründen. Zum einen ist es an meiner, der Deutschen Schule in Mexiko-City, schlichtweg üblich, dass die 11. Klasse im Ausland verbracht wird. Deswegen war vor mir schon meine ältere Schwester im LSH. Ihre begeisterten Erzählungen habe mich dazu bewogen, auch auf das Internat Solling zu wollen. Zum anderen ist das Leben zu Hause schon deutlich beschränkter, was die Bewegungsfreiheit angeht. In Mexiko wird ungefähr alle zwei Stunden ein Mensch entführt, allein in Mexiko-City werden täglich hunderte verschiedenster Strafdelikte gemeldet. Deswegen wäre es zu gefährlich das Haus alleine zu verlassen und wir werden von unserem Chauffeur zur Schule gebracht und selbstverständlich auch wieder abgeholt; wollen wir uns mit Freunden in der Öffentlichkeit, zum Beispiel einer Shoppingmall, treffen, so muss immer ein Elternteil dabei und in der Nähe sein. Umso mehr genieße ich es, mich hier in Holzminden so frei und auch mal alleine bewegen zu können!

Da ich hier an der Medi – AG teilgenommen habe, hat sich nun mein Wunsch gefestigt, Medizin zu studieren. Mir war zuvor nicht klar, dass mir dieses Thema so gut gefällt und nun bin ich davon überzeugt, dass die Medizin das Richtige für mich ist. Ich kann mir gut vorstellen, mich später auf die Not- und Unfallmedizin zu spezialisieren. In diesem Bereich passiert ständig Neues, das kommt meinem bewegten Geist sehr entgegen! Mein Abitur werde ich zu Hause ablegen, dann aber möchte ich in Europa studieren und träume davon, später in Spanien zu leben. Bislang denke ich meistens noch auf Spanisch, habe aber auch schon zwei Mal auf Deutsch geträumt – was ein deutliches Zeichen dafür ist, wie wohl und zu Hause ich mich hier am Internat Solling fühle. Mittlerweile sehe ich die Menschen hier um mich herum als meine zweite Familie an, in der ich gelernt habe, selbstständiger zu werden. Ich war schon zuvor eine unabhängige Person, hier am Internat Solling hat sich aber noch stärker herauskristallisiert, wie gut ich für mich einstehen und meine Probleme alleine lösen kann.

Das ist ein gutes Rüstzeug für alles, was da noch kommen mag. Eines steht fest: Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann tue ich alles dafür, es zu erreichen! Und sei es nur, angstfrei in einem Tuch in großer Höhe schweben zu können.

im Mai 2021

Ein junger Mensch mit langen braunen Haaren, der einen schwarzen Kapuzenpulli und eine Tarnhose trägt, steht im Internat Solling im Schnee an einem Holzzaun. Hinter ihnen geht die Sonne durch die Wolken über dem verschneiten Weserbergland unter und wirft ein warmes, goldenes Licht.

Eine junge Frau mit langen dunklen Haaren, die ein weißes T-Shirt, blaue Jeans und blaue Sandalen trägt, sitzt im Schneidersitz auf grünem Gras in einem Park in der Nähe des Internats Solling. Bäume mit knospenden Blättern und ein wolkenverhangener Himmel im Weserbergland bilden den Hintergrund, während sie sanft in die Kamera lächelt — Eindruck am Internat Solling

Eine Frau mit langen dunklen Haaren, einer runden Sonnenbrille und einem lockeren weißen Hemd sitzt an einem Holztisch an einer Backsteinmauer im Internat Solling im Weserbergland. Sie hält ein Einmachglas mit einem dunklen Getränk und ihr Smartphone in der Hand und wirkt entspannt und lässig.